Codemixing – ein Sprachproblem?

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Ein kurzer Auszug aus der heutigen Konversation per Whatsapp mit meiner Kollegin:
Sie: Bana adresini gönderirmisin? (Soll heißen: Schickst du mir deine Adresse?)
Ich: Bist du denn schon fertig? (Da ich weiß, dass sie noch ihre Tochter irgendwohin fahren musste)
Sie: Daha yeni losfahren yapdim (Losfahren kennt man ja. Im Ganzen soll der Satz soviel heißen wie “Ich bin gerade erst losgefahren”. Und genau ab diesem Satz war mir klar, dass ich nicht mit meiner Kollegin, sondern mit ihrer jugendlichen Tochter schrieb, die mir im Namen ihrer Mutter antwortete.

Das Phänomen des codemixings ist uns allen im Ruhrgebiet bekannt. In öffentlichen Verkehrmitteln, auf der Straße oder auch in Einkaufszentren hören wir junge Erwachsene, die bei ihren Konversationen minderstens zwei Sprachvarietäten synchron verwenden, und das ohne irgendwelche Probleme. Im Laufe der Zeit hat sich dieses Phänomen so sehr gehäuft, dass eine Art Mischsprache unter den Jugendlichen entstanden ist, bei der man die Ausgangssprache (fachlich Matrixsprache) gar nicht mehr erkennt. Doch ist das denn wirklich gut? Oder stellt ein derartiges Vermischen verschiedener Varietäten ein Sprachproblem dar? Wenn man Menschen auf der Straße fragen würde, wäre die Antwort vermutlich etwa: Die können weder ihre eigene Sprache, noch das Deutsche.
Doch in der Forschung sieht das anders aus. Die Sprachforschung hat im Laufe der Jahre herausgefunden, dass es mehrere Faktoren für das Vermischen von Sprachen bei sogenannten Migrantenjugendlichen gibt und dass dieses Phänomen – im Gegensatz zur allgemeinen Behauptung – nicht von einem Sprachproblem zeugt. Denn um zwei Sprachen miteinander vermischt gebrauchen zu können, ist ein hohes sprachliches Bewusstsein vonnöten. Jugendliche, die dieses Phänomen anwenden, sind also keinesfalls als inkompetent oder halbsprachig einzustufen. Wie Hinnenkamp schon vor Jahren festgestellt hat, darf die Mehrsprachigkeit mit seinen Ausprägungen in Deutschland nicht mehr als Nische, sondern sollte als Ressource wahrgenommen werden*.

*Hinnenkamp, Volker (1998): Mehrsprachigkeit in Deutschland und deutsche Mehrsprachigkeit: Szenarien einer migrationsbedingten Nischenkultur aus Mehrsprachigkeit. In: Kämper, H./ Schmidt, H. (Hg.): Das 20. Jahrhundert. Sprachgeschichte – Zeitgeschichte. Berlin/ New York: de Gryter, S. 137-162.

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