Gleichgewicht im Gleichgewicht: Vermenschlichung

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Quo vadis Menschheit? Heutzutage richtet sich der Mensch nach Ismen, Ideologien, kulturellen oder moralischen Normen, manchmal auch nach nationalen oder individuellen Interessen. “Der stärkere überlebt” oder “Lebe für dich selbst” sind Maxime, die nicht selten den Lebensweg bestimmen. Die Menschheit gleicht einem übervollen Zug, dessen Route sich nach diesen Wegweisern richtet.

Dieser Zug steuert ohne Halt, nicht etwa darauf zu, seinen Fahrgästen sich selbst, die Welt und das Leben, das Menschsein näher zu bringen. Im Gegenteil entfernt sich der Menschheitszug immer weiter von dem, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Anders ausgedrückt bahnt sich dieser Zug seinen Weg – ohne Rücksicht auf die Zurückgebliebenen und auf den Wert des Menschen. Dabei stellt er einen menschenfeindlichen Opportunismus ganz vorn heran.

Auf der Strecke dieses Zuges wird die Menschlichkeit schnell durch Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und Müßiggang ersetzt. Der Zug stürzt schließlich den Abhang der Bedeutungslosigkeit herunter und zieht dabei die wahre Bedeutung des Menschseins mit sich. Tatsache ist, dass jeder von uns mit einer weltweit zunehmenden Gewalt, Terror, Hunger, Armut, Umweltverschmutzung und epidemischen ansteckenden Krankheiten konfrontiert wird. Diese Faktoren machen das Leben nicht mehr lebenswert.

Als Mensch sind jedem von uns individuelle Stärken und Schwächen inne. Ebenso erscheint es normal, dass der Mensch Personen oder Gedanken, die er nicht mag, distanziert begegnet oder diese sogar stigmatisiert. In Wahrheit wäre jedoch das Normale, dem Anderen, unterschiedlichen Meinungen und Systemen zunächst mit Respekt zu begegnen. Nicht das Akzeptieren. Andernfalls wird der Mensch sein Leben lang dem Hirngespinst hinterherjagen, nur mit Gleichgesinnten zusammenleben zu können. Dieser Gedanke ist aber nichts als Phantasie.

Im Gespräch fragte mich heute ein Freund, ob man noch ausgeglichene Menschen fände. Ich antwortete ihm so etwas wie: “Auch bei der Ausgeglichenheit sollte man ausgeglichen sein.” Ja, Maß zu halten ist zwar wichtig für alle Ordnung, für Rhythmus und Harmonie. Das eigentliche Problem ist aber: Gleichgewicht im Gleichgewicht zu finden. Meiner Meinung nach liegt der erste Schritt darin, sowohl unsere Zu- als auch auch Abneigungen zu vermenschlichen. Diesen Ansatz betrachte ich als wichtige Bedingung dafür, die Welt richtig wahrzunehmen. Die meisten von uns merken nicht einmal, dass wir favorisierten Personen und Ideologien oder dem Staat oder religiösen Gemeinsamkeiten in einer übertriebenen, vergötternden, heiligsprechenden Art nacheifern. So geprägt können wir mit unseren Worten und Taten in Irrtümer verfallen. Nicht nur das; auch können wir in unseren sozialen Beziehungen in feste und radikale Kreise geraten.

Heutzutage kann man immerhin beobachten, dass sich die Menschen individualisieren und auf der Grundlage einer demokratischen Basis freiheitlich denken. Diese Menschen können andere Perspektiven einnehmen, den Anderen achten und sich im Hinblick auf das diverse Zusammenleben weiterbilden. Der grundlegendste Gleichgewichtspunkt für eine lebenswerte Welt liegt darin, dass der vermenschlichende Blick entwickelt wird. Ich möchte wiederholen: Der Ansatz des Vermenschlichens löst viele irrtümliche Herangehensweisen. Warum? Sofern das emotionale Gleichgewicht nicht gehalten wird, führt dies dazu, dass Personen oder Gedanken, Vereine oder Missionen als fehlerfrei und makellos idealisiert bzw. heiliggesprochen werden. Folglich glauben diese Personen, alleine über das Beste und Schönste zu verfügen bzw. diesem anzuhängen. Ebenso radikal wirken sich bei diesen Personen psychologische Probleme und Traumata aus, sobald die idealisierte Person, der Gedanke, der Staat, der Verein, etc. einen Irrtum begeht und dieser folglich gänzlich abgelehnt wird oder aber die Person die Schuld bei sich selbst sucht. Haben Sie an dieser Stelle verstanden, warum das Gleichgewicht im Gleichgewicht und der vermenschlichende Blick so wichtig sind?

Der Mensch kann radikalen Betrachtungsweisen am besten aus dem Weg gehen, indem er sich selbst, also den Menschen, kennenlernt, den anderen Menschen als Menschen wahrnimmt und ein Gleichgewicht zwischen Liebe und Hass findet. Andernfalls wird der Mensch der Kirche, der Moschee, dem Verein, dem Staat, dem Volk, etc.; den Vertretern von Glauben, Farben oder Meinungen und ihren Irrtümern zum Opfer fallen.

Für ein friedvolles und zufriedenstellendes, folglich also ein menschenwertes Leben ist es notwendig, mit einem ausgewogenen, vermenschlichenden Blick auf einer gemeinsamen Basis zu betrachten. Hier müssen ohne Übertreibungen gemeinsame (universelle) Werte in den Vordergrund gebracht werden.

Um die Welt lebenswert zu gestalten bedarf es freiheitlicher und selbstbestimmter Menschen, die ohne eine Unterscheidung von Glaube, Sprache, Farbe und Gemeinschaft zusammenkommen und im Dialog leben können. Mit diesen Wünschen,

Vahit Göz

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