Zuhause in Dortmund

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Nach Hause kommen!

Jeder kennt das Gefühl, wenn man nach einem stressigen Tag endlich die Tür hinter sich schließen und die Füße hochlegen kann. Allerdings meine ich nicht dieses nach Hause kommen.

Ich bin schon ziemlich viel umgezogen, schon als Kind, deswegen war ich nie mit einem bestimmten Haus verwurzelt, jedoch mit Dortmund. Wenn wir für ein Wochenende oder eine Woche mal weg waren und über die Autobahn zurück ins Ruhrgebiet fuhren, dann fing ich ab einer bestimmten Stelle an, nach Florian Ausschau zu halten. Florian ist der Name des Dortmunder Fernsehturms.
Fuhren wir mit der Bahn nach Dortmund rein, wartete ich gespannt, bis ich das U der ehemaligen Union Brauerei sehen konnte. In dem Moment, in dem ich eins dieser Symbole entdeckte, wusste ich, jetzt bin ich Daheim.
Nach Hause kommen, ausatmen.

Jetzt ziehen mein Freund und ich direkt in ein anderes Bundesland und ich frage mich, ob ich mir dort neue Anhaltspunkte für das Gefühl des Nach-Hause-Kommens suchen werde? Oder bin ich so sehr mit Dortmund verwurzelt, dass Florian und das U auch noch in 50 Jahren dieses Gefühl bei mir auslösen werden?

Wir ziehen aufs Dorf, zumindest für jemand, der mitten in der Stadt wohnt, ist es ein Dorf und ich ertappe mich dabei, wie ich den Autos zuhöre und mich frage, ob ich ohne die Straßengeräusche überhaupt werde schlafen können.
Unsere Wohnung liegt direkt an einer gut befahrenen Straße und am Westpark. Schaut man vorne aus den Fenstern, dann hat man das volle City-Vergnügen. Blickt man durch die Fenster, die zum Park hinaus gehen, dann ist es grün und tierisch und ruhiger.
Unsere Wohnung ist für mich der Inbegriff des Ruhrgebiets.
Laut, grau, Autos und ruhig, grün, Natur.

Das Ruhegebiet hat seinen ganz eigenen Charme. Es ist gegensätzlich und seine Schönheit erkennt man nicht auf den ersten Blick.
Ich habe schon einige Male erlebt, wie verwundert Besucher reagiert haben, wenn sie ins Ruhrgebiet kamen.
„Ziemlich grün, ich dachte, hier wäre alles grau.“
Auch wenn die Zechen und die Stahlindustrie verschwunden sind, leben sie in den Köpfen der Besucher weiter.

Dortmund ist eine besonders schöne und skurrile Mischung aus Natur und Stadt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Grünflächen Mangelware in Dortmund und so wurden kurzerhand Friedhöfe zu Grünanlagen umfunktioniert.
Der Westpark war von 1811 bis 1912 der Westentotenhof, ein Friedhof außerhalb der Stadtmauern. Als der Hauptfriedhof entstand, wurde der Westentotenhof zum Westpark, eine Grünfläche zur Erholung der Bürger. Einige der Grabsteine sind heute noch erhalten und geben dem Westpark ein skurriles Flair.
Auch der Ostenfriedhof (oder einfach Ostfriedhof) wurde ab 1921 für Beerdigungen gesperrt und ausschließlich als Grünanlage genutzt. Wunderschöne Skulpturen zieren die Gräber und Gruften bedeutender Familien aus Dortmund. Viele dieser Kunstwerke stammen von dem Bildhauer Benno Elkan.
Wer es nicht ganz so morbide mag, der spaziert durch den Rombergpark oder den bekannten Westfalenpark oder umrundet den neuen Phoenix-See.

Wer es nicht so mit der Natur hat, der kann ins Theater, Kino oder zu Konzerten gehen. Shoppen im wuseligen Gedränge ist auch eine nette Option. Dortmund bietet dir einige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.
Ich denke, das werde ich vermissen. Möglicherweise werde ich aber auch nur den Blick auf das U vermissen, das mir stets gezeigt hat, ich bin Zuhause.

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Über den Autor

Angela Gäde

Schriftstellerin, Verlegerin, Bloggerin, geboren in Dortmund, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt sich die kulturelle Vielfalt dieser besonderen Region. Ebenso schleicht sich der Ruhrpott und seine Menschen, mit ihrem ganz eigenen Charme, immer mal in ihre Bücher. Durch einen Umzug aufs Land (und direkt in ein anderes Bundesland) hat sie nun die Chance, auch ein Blick von außerhalb auf das facettenreiche Ruhrgebiet zu werfen.

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