Wie man die „Bürgerjournalismus“-Diskussion endgültig beenden kann

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Ich wurde als Vertreter der Blogosphäre zu einer Podiumsdiskussion als Podiumsgast eingeladen. Veranstaltet wurde das ganze vom Düsseldorfer Forum Politische Kommunikation.

Es war eine sehr gut moderierte Podiumsdiskussion mit wissenschaftlichem Schwerpunkt. Auch ich kam mehrere Male zu Wort.

Unter anderem waren Ulrike Kaiser vom Deutschen Journalistenverband (DJV), Prof. Dr. Christoph Neuberger von der Universität München und der Direktor Public Affairs bei der PR-Agentur Edelman GmbH in Berlin mit in der Runde.

Es wurde viel über wissenschaftliche und wirtschaftliche Aspekte des Journalismus gesprochen. Der Bürgerjournalismus wurde schnell abgewertet und vor allem Frau Kaiser brachte zum Ausdruck, dass sie den Begriff gar nicht mag. Ich stimmte ihr zu.

Ist das Bürgerjournalismus?

Klar: Bürgerjournalismus bedeutet, dass jeder Bürger Nachrichten produzieren kann (siehe Artikel 5 Grundgesetzbuch). Vor allem durch technische Gegebenheiten ist es mittlerweile viel einfacher Nachrichten zu produzieren (ich vermeide absichtlich die Begriffe „Journalismus betreiben“). So gab die Moderatorin Helene Pawlitzki das Beispiel des Wasserrohrbruchs, welches sie mit ihrem Bruder mit dem Smartphone gefilmt hatte. Sie schickten das Video ein und es wurde am nächsten Morgen tatsächlich hier und da verwendet. Ist das nun Bürgerjournalismus?

Nein, denn es kann den professionellen Journalismus nicht ersetzen. Ich bezweifle, dass das Video kommentarlos veröffentlicht wurde; sicherlich haben Journalisten zusätzlich bei den Stadtwerken und bei der Feuerwehr angerufen, um zu recherchieren was genau dort vorgefallen ist, aus welchem Grund dieser Wasserrohrbruch entstanden ist, wie man es behoben hat usw. Es hat also zusätzlich eine professionelle journalistische Arbeit stattgefunden. Jetzt überlege ich mir, wieviel Aufwand da eigentlich neben diesem Filmen mit dem Smartphone betrieben wurde. Hat das Video nun die journalistische Arbeit entwertet, wie viele Journalisten es befürchten? Nein, ganz im Gegenteil, es hat den Artikel sehr gut ergänzt!

Der Begriff Bürgerjournalismus ist etwas unglücklich gewählt. Es erweckt den Eindruck, als ob eine vollständige journalistische Arbeit gemacht wird. Dem ist aber nicht so. Aus diesem Grund finde ich, dass die Begriffe partizipativer Journalismus den Sachverhalt besser beschreiben. Hier wird die bürgerliche Funktion der Teilnahme an der Demokratie betont und nicht die journalistische Arbeit als solche. Der Fokus ist also ein anderer.

Dass nun derartige Nachrichten durchaus journalistische Züge haben kann, will niemand bestreiten.

Aber wie stehen Blogger dazu?

Hier muss man es zunächst differenzierter betrachten: das Blog ist nur ein Medium. Es gibt auch Journalisten, die einen Blog betreiben. Die verdienen damit ihren Lebensunterhalt. Wenn jemand einen Blog betreibt und Journalist ist, dann ist das einfach professioneller Journalismus.

So. Wie sieht es mit den Blogbetreibern aus, die das nicht hauptberuflich machen? Ich habe noch keinen Blogger gesehen, der einen Anspruch auf Journalismus hat! Aber sind es denn nicht die Hobbyblogger (ohne es entwertend zu meinen), die sehr oft die Seiten von Ereignissen beleuchtet haben, die von den Mainstream-Medien ausgelassen wurden? Verdanken wir es denn nicht derartigen Bloggern, dass es eine Meinungsvielfalt gibt?

Qualitätsmaßstab von Artikeln?

Ich versuche es mal so rum: ich habe einen Artikel über den Bottroper Hüdaverdi Güngör geschrieben. Ich muss zugeben, dass ich zuerst durch die derwesten.de Artikel dachte, dass er jemand ist, der eine Schauspielkarriere anstrebt. Das war aber nicht so. Scheinbar hat er ganz andere Pläne. Ich habe unser Gespräch fast transkribiert, ohne nennenswert meine Meinung einfließen zu lassen. Da ich zu der Zeit noch bei der türkischsprachigen Zeitung ZAMAN gearbeitet habe, habe ich den Artikel auf türkisch übersetzt und bei der Zeitung eingereicht. Der Artikel wurde in der Printversion und online veröffentlicht. Ich beobachtete ein interessantes Feedback. Der Interviewpartner teilte diesen Artikel regelmäßig auf facebook, mit der Betonung, dass dies sein bestes Interview gewesen sei. Anscheinend habe ich Dinge in dem Artikel erwähnt, die andere Medien nicht erwähnt haben. Und ich glaube, die Qualität eines Artikels messe ich (andere Autoren machen es sicherlich nicht viel anders) durch die Resonanz: wenn z.B. in diesem Fall der Interviewpartner zufrieden mit dem Artikel ist. Heisst das jetzt, dass ich unkritisch alles niederschreibe? Ein ganz klares „nein“.

Die ZAMAN-Zeitung und deeskalierender Journalismus

Ich muss jetzt kurz erklären, wie es zu dieser arbeitsweise gekommen ist. Die ZAMAN-Zeitung ist eine -wie bereits oben erwähnt- türkischsprachige Tageszeitung. Mit Begeisterung habe ich gesehen, dass diese Zeitung größtenteils Züge vom deeskalierenden Journalismus (auch Friedensjournalismus oder konfliktsensitiver Journalismus genannt) hat. Eine kurze Erklärung liefert die Bundeszentrale für politische Bildung:

Konfliktsensitiver Journalismus versteht sich nicht als Lobbying für eine bestimmte politische Orientierung in der Parteienlandschaft. Und er ist erst recht kein Klientel-Journalismus im Dienste der Friedensbewegung. Vielmehr unterstreichen die Vertreterinnen und Vertreter des Konzepts die grundsätzlichen Gemeinsamkeiten mit dem modernen liberalen Verständnis eines strikt überparteilichen und an den Grundsätzen der Gewaltprävention, des Gemeinwohls und der Menschenrechte ausgerichteten Qualitätsjournalismus.

Man kann die ZAMAN vielleicht mit der deutschen FAZ vergleichen.
Ich fand die Idee, aber vor allem den Begriff deeskalierender Journalismus, sehr gut. Zeitungen sind voll von reißerischen Überschriften, die nicht gerade für Qualitätsjournalismus sprechen. Ich denke, dass Prinzip kann man sehr gut auf das Schreiben (das Medium sollte egal sein) übertragen. Auch als Blogbetreiber. Der springende Punkt ist konstruktive Kritik.

Leider konnten wir in der Podiumsdiskussion nicht ausführlicher auf diese Kritikart eingehen.

Kritik

Was ich aber kritisieren muss: Frau Kaiser sagte, dass man ja auch nicht von einem Bürgerchirurgen operiert werden möchte. Lassen wir mal die Tatsache beiseite, dass Frau Kaiser und ich den Begriff des Bürgerjournalismus nicht mochten. Auch Werner D’Inka, deutscher Journalist und Herausgeber der FAZ, hat 2010 bei einer Podiumsdiskussion gesagt, dass man ja auch nicht Gebäude von Bürgerarchitekten planen lassen will.

Häufig wird aber auch der Vergleich mit Bürgerpiloten gemacht. Die Antworten auf derartige Vergleiche sind eigentlich immer dieselben:

  • Wenn es nichts ausser Holz zum bauen gibt, ist es in Ordnung erst einmal eine Holzhütte zu bauen, um überhaupt ein Dach über den Kopf zu haben. Denn darum geht es doch erst einmal. Natürlich kann man von einem Laien nicht erwarten, dass er das Schloß Oberhausen erbaut.
  • Wenn jemand in medizinischer Not ist und kein Arzt in der Nähe ist, wäre es doch nicht schlecht, wenn jemand wüsste, wie man erste Hilfe leistet? Auch hier kann natürlich kein Laie eine Bandscheibenoperation durchführen.
  • Wenn kein professioneller Pilot zum fliegen eines Flugzeuges anwesend ist nimmt man natürlich einen Hobbypiloten…usw.

Ich glaube es ist verständlich, worum es hier geht.

Fazit

Qualitativer Journalismus kann nicht vom partizipativem Journalismus ersetzt werden. Man sollte endlich anfangen darüber zu diskutieren, wie sich beide Formen des Journalismus beeinflussen und danach untersuchen, welche Rolle und welchen Wert partizipativer Journalismus in unserer Gesellschaft hat. Denn darüber zu diskutieren, ob „Bürgerjournalismus“ gut oder schlecht für den professionellen Journalismus ist, ist überflüssig. Partizipativer Journalismus findet schon seit Jahren in Deutschland statt und wir müssen endlich anfangen damit zu arbeiten anstatt darüber zu diskutieren.

Da sind wir uns wohl einig mit den Podiumsgästen:

 

(vielen Dank an Alexander Werth von hochschulradio.de für den Beitrag)

Das Video und weitere Audiobeiträge von den Teilnehmern gibt es übrigens hier.

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Über den Autor

Serdar Ablak

Chefblogger und Gründer. Gebürtiger Oberhausener (darauf bin ich besonders stolz), lebe mittlerweile in Köln, arbeite aber immer noch in Duisburg. Der Weg ist zwar manchmal anstrengend, aber das Ruhrgebiet ist es Wert!

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