Flüchten macht Spaß, oder?

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Die Ausbildung ist beendet, das Studium hat man in der Tasche. Bewerbungen werden verschickt, mit der Hoffnung, schnell etwas zu finden, möglichst in der Nähe von Familie und Freunden. Doch trudeln dann Absagen ein, kommt irgendwann der Punkt, an dem man sich entscheiden muss, ob man die Suche nicht erweitert. Ausbildung oder Studium hat man schließlich nicht aus Spaß an der Freude gemacht, sondern um einen Job zu finden, um sich ein eigenes Leben aufzubauen.
Viele kennen das, viele haben es schon getan, sie sind für einen Job weggezogen. Wir auch. Zwar wohnen wir nur 2 Stunden entfernt von unseren Familien und Freunden, trotzdem war es eine schwere Entscheidung. Sich mal eben auf einen Kaffee treffen oder bei Mama die Glühbirne auswechseln geht jetzt nicht mehr. Das Gewohnte und die geliebten Menschen zu verlassen, irgendwo hinzuziehen, wo man niemanden kennt, alles fremd ist, erzeugt Angst und Traurigkeit.

Wir sind nur 2 Stunden weg vom Ruhrgebiet, in dem wir aufgewachsen sind und die meisten Menschen leben, die wir kennen. Telefonieren oder skypen steht uns jeder Zeit frei.
Fällt uns diese Trennung schon schwer, glaubt dann wirklich irgendjemand, dass man aus Spaß seine Familie, Freund und sein Land verlässt? Bis ein Mensch alles aufgibt, was er kennt und liebt, muss verdammt viel passieren. Krieg, Hunger, Gewalt, Not. Das bringt Menschen dazu zu flüchten und nicht Langeweile oder Essensmarken.

Bevor man alles aufgibt, selbst sein Heim, seinen Besitz muss ziemlich viel geschehen. Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten und in einem völlig fremden Land Hilfe suchen, sind verängstigt, leiden an Trennungsschmerz, Heimweh und Einsamkeit.

Als wir umgezogen sind, haben wir unsere Möbel und alles andere mitgenommen. Nachdem die ersten Regale und Schränke standen und die Hälfte der Kartons ausgepackt war, fühlte es sich nicht mehr ganz so fremd an. Wir waren wieder umgeben von gewohnten Dingen.
Nicht einmal diese Möglichkeit haben Flüchtlinge.

Bei einigen Berichten oder Kommentaren, die ich so lese, beschleicht mich der Eindruck, dass manche Leute denken, Flüchtlinge würden mit Umzugswagen hier eintreffen, ein Haus geschenkt bekommen und mit Unmengen an Geld überhäuft werden. Das entspricht nicht so ganz der Realität.

Wie viel kann man wohl mit sich schleppen, wenn man um sein Leben rennt?

Viele besitzen nur noch das, was sie am Körper tragen. Manche konnten einen paar Dinge retten, die ihnen viel bedeuten oder sehr wichtig sind. Andere haben ihre Sachen auf der Reise verloren. Aus diesem Grund werden sie mit Spenden versorgt. Kein Flüchtling wird mit einer Kreditkarte im Einkaufszentrum ausgesetzt und darf dann mal fröhlich shoppen. Sie bekommen die Kleidungsstücke, die wir irgendwann mal in den Altkleidercontainer geworfen haben, weil sie uns nicht mehr passten, nicht mehr gefielen oder nicht mehr schön genug waren.

Diesen Menschen, die so großes Leid erlebt haben, dass sie alles zurückließen und nun nichts mehr haben, gönnt ihr nicht einmal den Dreck unter den Nägeln?

Flüchtlinge plündern nicht die Rentenkasse, die ist schließlich schon seit Jahrzenten leer. Sie klauen auch nicht die Jobs, denn sie befinden sich in der beruflichen Nahrungskette ganz am Ende. Erst nach drei Monaten dürfen sie sich nach einem Job umsehen, sollte einer vorhanden sein, wird erst geprüft, ob kein Deutscher oder ein anderer EU-Bürger die Stelle haben möchte.

Das klingt ja alles sehr spaßig. Ja, eindeutig, die Menschen flüchten rein aus Langeweile und um die deutsche Rentenkasse zu plündern. Wenn man so viel Spaß und Geld haben kann, wer braucht da noch Familie, Freunde und ein Zuhause.

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Über den Autor

Angela Gäde

Schriftstellerin, Verlegerin, Bloggerin, geboren in Dortmund, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt sich die kulturelle Vielfalt dieser besonderen Region. Ebenso schleicht sich der Ruhrpott und seine Menschen, mit ihrem ganz eigenen Charme, immer mal in ihre Bücher. Durch einen Umzug aufs Land (und direkt in ein anderes Bundesland) hat sie nun die Chance, auch ein Blick von außerhalb auf das facettenreiche Ruhrgebiet zu werfen.

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