Von Vorurteilen, die stimmen und Raum-Zeit-Anomalien

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Vorurteile sind eine heikle Angelegenheit, jeder hat sie (oder so gut wie jeder), sie sind meistens schneller als unser Verstand und oft sind sie falsch.

Auf dem Land gehen die Uhren anders!
Ein Vorurteil!
Ein Vorurteil, das irgendwie stimmt.
Ich fange mal mit dem an, was man wahrscheinlich noch ganz gut nachvollziehen kann. Als ich heimwehgeplagt die Gegend, die Tiere und die Leute beobachtete, fiel mir plötzlich etwas auf. Die Menschen auf dem Land bewegen sich langsamer, mit mehr Ruhe. Das ist nicht böse gemeint, sondern ganz im Gegenteil ein bewunderndes Kompliment.
Wer in der Stadt wohnt, kennt das sicher, die Leute scheinen ständig auf dem Weg wohin zu sein. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern ein nötiges Übel, um das Ziel zu erreichen. Irgendwie ist man immer auf dem Sprung, macht mal schnell und hat ständig Zeitdruck. Es ist hektisch.

Auf dem Land scheint der Weg das Ziel zu sein. Die Leute hier wollen z. B. zum Einkaufen, das ist das eigentliche Ziel, doch sie hetzen nicht zum Laden. Sie finden Zeit, auf dem Weg dorthin jemanden zu grüßen oder mit einem Bekannten zu sprechen. Auch in der Stadt bleibt man stehen, wenn man jemanden trifft, den man kennt, doch immer mit einem gewissen Zeitdruck.

„Du ich muss dann jetzt auch weiter.“
Hier schnacken die Leute ohne hektisches Weiterdrängen. Wenn der Gesprächsstoff alle ist, dann macht man sich wieder auf. Vielleicht ist es die Gelassenheit, die den Menschen auch die Muse gibt, andere anzusehen und zu grüßen.
Man läuft so seinen Weg entlang und jemand kommt einem entgegen. In der Stadt senkt man den Blick, sieht woanders hin oder spielt mit seinem Smartphone. Selbst wenn man die Person anlächelt, bekommt man nicht unbedingt ein Lächeln zurück (ich habe es getestet, aber vielleicht liegt es auch an mir).

Auf dem Land schauen die wenigsten weg. Die meisten blicken dir in die Augen und dann wird je nach Tageszeit gegrüßt. Ab 18 Uhr heißt es übrigens “Guten Abend!“, egal, wie hell und sonnig es ist. Man ist weniger unsichtbar, verliert sich nicht so schnell in der Masse, da es keine Masse gibt.
Das ist faszinierend und schwierig. Ich bin es gewohnt, die Dinge mit Hektik zu erledigen, aber mit Hektik kommt man hier nicht weiter.

Natürlich gilt das nicht für jeden Menschen auf dem Land, auch hier gibt es Hektiker.
Dann gibt es Tage, da will man nicht gesehen werden, da ist man froh über die Anonymität der Stadt, weil man trotz der vielen Menschen mit sich allein sein kann.

Jetzt könnte man denken, dann geht ja nichts voran, aber weit gefehlt und das liegt an der Raum-Zeit-Anomalie.
Mir ist bewusst, wie merkwürdig sich das anhört, aber ich habe noch keine bessere Erklärung.
Das Phänomen fiel mir das erste Mal auf, als ich noch beim Aufbau/Einräumen der Wohnung war. Ich habe um 8 Uhr angefangen, Regale zusammenzubauen. Zwischendurch habe ich drei Briefe und fünf Posts geschrieben, Kisten ausgepackt und geputzt. Als ich fertig war, dachte ich mir, der Tag ist bestimmt schon halb rum. Es war kurz vor 12 Uhr.
Ich habe mich nicht abgehetzt und eigentlich ist das nicht möglich. Die Uhren hatte ich auch überprüft, alle zeigten die gleiche Uhrzeit.
Samstags beim Einkaufen die gleiche Merkwürdigkeit. Vier verschiedene Läden, zwei davon in anderen Dörfern, einmal verfahren, alles in Ruhe gemacht und es waren gerade mal 2 Stunden rum.
Keine Ahnung, wie das sein kann. Meine Nichte, die uns bereits besucht hat, erlebte das Phänomen auch, es liegt also nicht an mir.

Die Uhren gehen hier anders.

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Über den Autor

Angela Gäde

Schriftstellerin, Verlegerin, Bloggerin, geboren in Dortmund, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt sich die kulturelle Vielfalt dieser besonderen Region. Ebenso schleicht sich der Ruhrpott und seine Menschen, mit ihrem ganz eigenen Charme, immer mal in ihre Bücher. Durch einen Umzug aufs Land (und direkt in ein anderes Bundesland) hat sie nun die Chance, auch ein Blick von außerhalb auf das facettenreiche Ruhrgebiet zu werfen.

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