… und doch haben wir Vorurteile.

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Ich lebe seit vielen Jahren in Duisburg, und seit meinem ersten Tag hier setze ich mich mit einer multinationalen Gesellschaft auseinander. Aus meiner Kindheit in einem Essener Vorort kenne ich das so nicht; wir hatten einen türkischen Jungen in der Grundschulklasse, das war´s. Später gesellte sich ein polnischer Junge hinzu, der neben mir sitzen sollte, weil ich so gut in Deutsch war. Das war völliger Blödsinn von den Lehrern, denn der Junge war extrem fix und hatte gar keine Schwierigkeiten mitzukommen; aber weil wir Freunde waren, malte er immer meine Arbeitsblätter aus, und noch heute muss ich lachen, wenn ich an seine Sammlung polnischer Witze auf Kassette denke, die ich natürlich nie verstanden habe, aber irgendwie ist das Kindern egal.

Ich kam dann mit 17 nach Duisburg und ging fortan auf ein bekanntes Gymnasium, und zum ersten Mal hörte ich in der Schulpause andere Sprachen als die meine. Gut; das war ein wenig irritierend, aber weil ich schüchtern, süß und eigentlich ganz nett war, wurde für mich übersetzt. Das war ziemlich cool. Mein bester Mathekumpel war damals griechisch (soll heißen: Er konnte Mathe und half mir aus), meine liebste Pausenfreundin türkisch und mein Schwarm italienisch. Alles kein Problem.

Und doch habe ich Vorurteile.

Wir gestehen uns das selten ein, denn wir sind ja tolerant und akzeptieren andere Menschen, ihre Kulturen und Lebensweisen. Ja ja klar, natürlich. Aber ein besonderes Erlebnis vor ein paar Jahren zeigte mir beschämenderweise meine eigenen Vorurteile auf und lehrte mich auch etwas Wunderbares.

Es war beim Friseur. Bestraft mit nahezu farblosen Wimpern, fröne ich regelmäßig meiner Eitelkeit und lasse sie färben; das geht am Besten bei einem türkischen Friseur, das bekommt niemand sonst so hin. Nur eine von vielen Annehmlichkeiten des Zusammenspiels der Kulturen in Duisburg. Ich sitze also bequem auf dem Stuhl, die Farbe auf den Wimpern, Augen natürlich geschlossen, als ich höre dass sich die Tür zum Friseursalon öffnet und ein Kunde hereinkommt. Offenbar kannte er die Friseurin schon länger, denn sie begrüßten sich freudig und duzten sich auch.

Da ich nichts Besseres zu tun hatte und meine Fantasie gern spielen lasse, versuchte ich mir vorzustellen, wie dieser gesichtslose Fremde wohl aussehen möge. Ich hörte ihm zu: Im Urlaub war er gewesen, aber das Wetter war nicht so gut, und die Familie hat sich gelangweilt. Aha, dachte ich, er ist sicher Vater, der Stimmfärbung nach so vielleicht um die 30, 35 Jahre alt. Er sprach sehr sauber, ohne unseren leicht schnoddrigen Ruhrpott-Akzent, demnach attestierte ich ihm eine gute Bildung (jaaaa ich weiß…). Er konstruierte die Sätze wie jemand, der sich wirklich gut auszudrücken weiß, und es war eine Freude, ihm zuzuhören. Er erzählte weiterhin, dass er trotzdem gern wieder hinfahren würde (wohin, das verriet er allerdings nicht), aber er müsse ja auch etwas arbeiten. Gelächter. Die Friseurin erklärte, dass sie lange nicht mehr im Urlaub gewesen sei. „Haare wie immer?“, fragte sie, und erhielt ein bejahendes Brummen der nicht allzu tiefen Stimme als Antwort. Dann geschah etwas Merkwürdiges. Die beiden wechselten ins Türkische, was mich etwas verwunderte. Ich hatte nicht erwartet, dass der Fremde Türkisch sprechen würde, doch er tat es, auch wenn seine Sprachmelodie und der Fluss seiner Sätze etwas anders war als ich es vom Hören her gewohnt bin. Fast, so überlegte ich, klang es, als sei Türkisch eine Fremdsprache für ihn, und nun ja, so dachte ich weiter, wieso denn auch nicht, vielleicht braucht er es im Beruf, schaden können Sprachkenntnisse ja nun wirklich nicht. Viel mehr dachte ich mir nicht dabei. Ich wollte ja auch Türkisch lernen.

Der Friseurumhang raschelte neben mir, ein leichter Hauch eines teuren, aber nicht aufdringlichen After Shaves wehte zu mir herüber. Angenehm. Der ganze Mensch schien sehr angenehm zu sein. Ich stellte ihn mir relativ groß vor, schlank, nicht wirklich athletisch, in einem, na sagen wir taubengrauen Anzug, mit blauer Krawatte vielleicht, zu seinen Füßen eine gute Lederaktentasche. Seine Haare waren in meiner Fantasie hellbraun, die Haut eher ungebräunt, schlanke lange Finger, Marke Büromensch. Ja, der Typ war in meinem Hirn fertig, und ich brannte darauf ihn zu sehen.

Nach einer Weile wusch die Friseurin mir die Augen ab und ich durfte wieder gucken. Sofort huschte mein Blick nach rechts zu dem mysteriösen Mann, den ich bisher nur gehört hatte, und ich wäre vom Stuhl gefallen, hätte der keine Lehnen gehabt. Dort saß ein Mann… nun, würde man mich bitten, den klischeehaftesten Duisburger Türken aufzumalen, den man sich nur vorstellen kann… die Zeichnung hätte wohl so ausgesehen wie dieser Mann. Groß war er, dunkel, mit schwarzem Haar, offenes Hemd, Bart… und mir wurde in diesem Moment schlagartig klar, dass, wenn ich diesen Mann auf der Straße gesehen hätte, ich ihm vermutlich kein einziges gerades deutsches Wort zugetraut hätte. Meine Scham wuchs ins Unermessliche; bis heute kann ich kaum in Worte fassen, wie schlecht ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Aber mir fiel auch auf, dass nur unsere Gegend, unser Pott, eine solch schöne bunte Vielfalt von Menschen hervorbringt, von verblüffenden Überraschungen und lehrreichen Momenten. Zu meiner Scham mischte sich eine Art Dankbarkeit für diese Szene, und mein Lächeln wurde von dem netten Mann, wenn auch etwas irritiert, erwidert.

Es gibt ein Sprichwort, das heißt: Never judge a book by its cover. Wir sollten nicht darauf schauen, wie jemand aussieht, oder was uns Medien und andere Manipulationsmechanismen ins Hirn pflanzen. Es lohnt sich, einen zweiten Blick zu investieren, und Menschen zu finden, die uns überraschen, uns Freude machen, auch wenn wir im ersten Moment ganz anders zu leben scheinen. Nirgendwo trifft das so sehr zu wie hier bei uns im Pott, und deswegen bin ich glücklich, ein Teil dieses schönen Zusammenspiels zu sein.

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