Der Fußballwahn

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An erster Stelle muss ich offen gestehen, dass ich kein Fußballfan bin und mich null dafür interessiere. Und es nervt mich jedesmal, wenn alle zwei Jahre sich die ganze Welt um das Thema Fußball dreht. Mal ist es die Weltmeisterschaft, das nächste Mal die Europameisterschaft. Egal ob man den Fernseher einschaltet oder auch nur mal kurz Milch im nächsten Supermarkt kaufen möchte, überall sind Bilder von Nationalflaggen und irgendwelchen Fußballspielern zu sehen. Im Gesicht bemalte Kinder und Frauen erscheinen auf den Werbeflächen.

Für mich ist Fußball nur Geldmacherei, eine Strategie, die große Masse bei Laune zu halten und von Wichtigerem auf der Welt abzulenken – so wie das Gladiatorenspiel im alten Rom („Brot und Spiele“). Und ich bin davon überzeugt, dass nicht nur ich dieser Meinung bin.

Was das Schlimmste bei der ganzen Sache ist: Man geht allen Ernstes davon aus, dass auch alle 80 Millionen Einwohner dieses Landes bei dem ganzen Theater noch mitfiebern! Es gehe schließlich um uns, um unser schönes Land, um Vaterlandsliebe. Und wehe dem, der sich nicht die Spiele anschaut und nicht weiß, wie diese waren und ausgingen. Es herrscht eine totale Intoleranz gegenüber Leuten, die etwas Besseres zu tun haben, als abends mindestens 90 Minuten vor dem Fernseher zu sitzen und 22 Menschen beim Dem-Ball-hinterherlaufen zuzuschauen. Man muss Angst davor haben, als Vaterlandsverräter zu gelten, weil man nicht mit der Nationalmannschaft trauert oder triumphiert.

Und als ob das Ganze nicht ausreichen würde, läuft seit einigen Tagen auch noch die Diskussion darüber, ob der Unterricht nach den Deutschlandspielen eine Stunde später beginnen soll, da die Leistungsfähigkeit davon abhinge. Mit anderen Worten: Eine Mutter soll ruhigen Gewissens sich spät am Abend noch mit ihrem Kind vor den Fernseher setzen und sich das wichtige Spiel anschauen können. Sie braucht sich keine Sorgen über das Ausschlafen ihres Kindes zu machen, der Unterricht beginnt sowieso eine Stunde später. Das Kind hat somit eine Stunde länger Schlafenszeit.

Dass diese eine Stunde möglicherweise nicht aussreicht, dass der Schlafrythmus eventuell gestört wird, dass sich die Busfahrpläne für die Schüler trotz der Spiele am Morgen nicht ändern werden, wird nicht berücksichtigt. Interessant ist, dass sich einige Bildungspolitiker den Kopf über Derartiges zerbrechen. Warum auch nicht? Schließlich läuft ja in der Bildungspolitik und an den Schulen alles perfekt (!). Dass Schule neben dem fachlichen Wissen ebenfalls Werte wie beispielsweise Verantwortungsbewusstsein vermitteln soll, kann in diesen wichtigen WM-Wochen ja außen vor gelassen werden.

Vielleicht kann meine kleine Schwester als großer GNTM-Fan bald auch an essenziellen „Entscheidungs“Abenden mal eine Stunde später in der Schule erscheinen – man sollte die armen Schüler ja auch nicht unnötig belasten!

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1 Kommentar

  1. Jens Nussbaum on

    Endlich mal eine leider äußerst seltene Stellungnahme zu diesem wahnsinnigen Sportwahn der Menschen in diesem Land.

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