Der Eiserne Steg

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Frankfurt am Main. Tausende kleiner und großer Schritte, Fahrräder, Schultaschen und Kinderwagen. Der Main glitzert, wir steigen die Treppen auf, gehen über die Brücke, sehen am Geländer Schlösser verschiedener Größen hängen. Betrachtet man sie näher, sieht man, dass Namen draufstehen. Mit dem Schließen des Schlosses wird die Liebe besiegelt.

Inmitten des Getümmels, der Menschenmenge, ein junger Mann mittlerer Größe, Gitarre und Mundharmonika auf dem Eisernen Steg Frankfurts. Das Wetter ist mild und die Sonne scheint, doch trotzdem weht ein sanfter Wind durch die schwarzen, gelockten Haare des Mannes. Schon von weitem erkennt man, dass er kein Deutscher ist. Er singt den Menschen auf einer anderen Sprache ein ihnen unbekanntes Lied. Während ich näher komme, erkenne ich, dass er Asiate ist. Meine Schwester, mein Vater und ich bleiben vor ihm stehen. Er strahlt eine merkwürdige Atmosphäre aus. Singt mit einer ruhigen Stimme ein Lied und man sieht ihm an, dass er von den Freuden des Lebens singt. Vor ihm steht ein Notenständer, von dem er nur selten aufblickt. Sein Blick ist gebannt. Plötzlich stupst meine Schwester mich an. Verwirrt blicke ich auf und sehe, dass sie auf einen Zettel zeigt, der vor den Notenständer geklebt wurde. „Traveling around the world from Japan“ steht drauf. Er macht eine Weltreise mit dem Geld, das er durch Straßenmusik verdient. Daneben ist eine Weltkarte zu erkennen mit einer rot eingezeichneten Route, die zeigen soll, wo er schon gewesen ist. Die Route ist lang, doch überall war er noch nicht. Auch, wenn wir nicht verstehen, wovon er singt, merken wir, dass das Lied zu Ende geht. Der Straßenmusikant verstummt, mein Vater wirft Kleingeld auf seine Gitarrentasche. Wir alle sind begeistert. Innerlich frage ich mich, ob man eine Reise um die Welt durch Musizieren finanzieren kann und woher sich Menschen nur den Mut nehmen, so etwas zu wagen. Mein Vater spricht ihn an, meine Schwester und ich stehen daneben und hören gespannt zu. Er inspiriert. In der Türkei ist er schon gewesen, in der Metropole Istanbul und einem kleinen Dorf. Er kennt den Kontrast. Er redet leise und ruhig über seine Erfahrungen in den Ländern, auf Englisch mit einem merkwürdigen, japanischen Akzent.

Wir verabschieden uns und laufen weiter. „Das mache ich auch einmal!“, sage ich. Doch eigentlich wissen wir alle, dass das nicht geht. Ich denke darüber nach, wie klein die Welt doch geworden ist und was eigentlich möglich ist, wenn man sich nur traut. Orte der Welt, von denen man nicht einmal ahnt, dass sie existieren, sind heute einfach zu erreichen. Wir können kommunizieren – ganz einfach, binnen weniger Sekunden und mit Menschen auf der anderen Seite des Globus. Wir können sie aber auch persönlich besuchen. Flugzeuge, Autos, Schiffe, Züge. Die Welt ist eine einzige kleine Stadt geworden. Als ich wieder zu Hause bin, surfe ich im Internet und suche nach Informationen über die Brücke. „Eiserner Steg“ gebe ich ein. Er hat mich fasziniert und bereits der Name gefällt mir. Um in besserem Kontakt zu den südlichen Stadtteilen zu stehen, hatten die Bürger damals die Initiative ergriffen und einen Verein gegründet, um die eiserne Fußgängerbrücke zu bauen.

Menschen wollen in Kontakt stehen. Das wollten sie damals, wie heute. Ich denke, dass die Brücken nicht nur zwischen Menschen verschiedener Stadtteile gebaut werden sollten. Wir sollten bemerken, dass der strömende, vermeintlich bedrohliche Fluss unterschiedlicher Kulturen eigentlich ein stiller, warmer, ruhiger See ist, und dass man sich begegnen kann, indem man durch diesen läuft. Dann wird man sehen, dass Unterschiede zwischen Ländern und Religionen nicht unüberwindbar sind und dass anders nicht gleich feindlich bedeutet. Vereine, Initiativen können auch von uns gebildet werden und wurden bereits gegründet. Dialog ist das, was der Verein Ruhrdialog unter dem Bauen solcher Brücken versteht.

Ich frage mich, ob es wohl irgendwann nicht nur technisch möglich ist, Menschen anderer Kulturen, Religionen und Ländern zu erreichen, sondern ob es irgendwann geschieht, dass Menschen sich auch auf persönlicher Ebene begegnen.

Ohne Vorurteile. Ohne Krieg. Ganz ruhig und friedlich. Wie der Japaner auf der Weltreise.

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