Warst du schon mal der oder die Neue?

0

In meiner Kindheit sind wir sehr oft umgezogen, aus privaten und beruflichen Gründen. Bis zu meinem sechsten Lebensjahr sind wir jedes Jahr umgezogen. Jedes  Mal war ich die Neue. Ich musste mich mit der fremden Umgebung anfreunden, musste neue Freunde finden und mich irgendwie eingewöhnen.

Umso älter ich wurde, umso schwer wurden diese Umstellungen. Die Neue zu sein fiel immer stärker auf, da sich die meisten schon seit dem Kindergarten kannten, was zwar nicht sooo weit in der Vergangenheit lag, trotzdem bestanden bereits Freundschaften und Gruppen.

Im Alter von neun Jahren zogen wir von Dortmund nach Castrop. Castrop liegt neben Dortmund, gehört zum Ruhrgebiet und doch war es für mich eine ganz andere Welt. In Dortmund hatte ich z.B. die vereinfachte Schreibschrift gelernt, in Castrop wurden mir die gelernten Buchstaben als Fehler angestrichen. Ich durfte in der dritten Klasse einen Rucksack tragen und in der vierten endlich mit Kuli schreiben können. In Castrop musste ich wieder einen Schulranzen tragen und von Kugelschreibern hatte noch keiner etwas gehört.
Es fiel mir wirklich schwer mich umzustellen, obwohl die meisten Schüler wirklich nett zu mir waren. Dummerweise waren die Kinder außerhalb der Schule eher weniger nett.

Ich war die Neue und aus irgendeinem Grund damit zur Beute erkoren worden. Vielleicht ist es einfach leichter auf den Neuen rumzuhauen, weil sie keine Rückendeckung haben. Vielleicht meinen die Alteingesessenen sie müssten ihr Revier vor Neuankömmlingen schützen. Was auch immer sie bewog, mich zu jagen und mit Steinen zu bewerfen, sie taten es jedenfalls.

Ende der sechsten Klasse bekamen wir eine neue Schülerin. Sie kam aus Korea und konnte noch kein Deutsch, deswegen bat unserer Lehrer darum, dass wir sie freundlich aufnehmen und uns um sie kümmern. Ich war damals Klassensprecherin, schon deswegen sah ich es als meine Aufgabe, dieser Bitte nachzukommen. Allerdings war da noch mehr.

Ich wusste, wie schwierig es sein konnte, die Neue zu sein. Ich war nur von Dortmund nach Castrop gezogen und kam mir vor, als wäre ich in einem fremden Land gestrandet. Wie musste sich dann erst dieses Mädchen fühlen?
Sie hatte nicht nur eine Stadt, sondern gleich einen ganzen Kontinent gewechselt. Wie musste sie sich fühlen, wie eine Gestrandete auf einem anderen Planeten, womöglich in einer anderen Galaxis?

War nicht jeder von uns schon mal der oder die Neue? Durch einen Umzug, durch einen Arbeitswechsel, durch den Beginn des Studium?
Fast jeder kennt doch das Gefühl, wenn man neu ist. Aufregung, ein bisschen Angst, ein bisschen Unsicherheit, hoffentlich auch Freude.
Wie viel stärker sind diese Gefühle bei Menschen, die aus einem fremden Land, von einem anderen Kontinent stammen?

Egal welche Gefühle man hat und wie stark sie sind, es ist gut, wenn man freundlich aufgenommen wird.

Print Friendly, PDF & Email
Teile es.

Über den Autor

Angela Gäde

Schriftstellerin, Verlegerin, Bloggerin, geboren in Dortmund, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt sich die kulturelle Vielfalt dieser besonderen Region. Ebenso schleicht sich der Ruhrpott und seine Menschen, mit ihrem ganz eigenen Charme, immer mal in ihre Bücher. Durch einen Umzug aufs Land (und direkt in ein anderes Bundesland) hat sie nun die Chance, auch ein Blick von außerhalb auf das facettenreiche Ruhrgebiet zu werfen.

Kommentare