Stadt, Land, Fußball

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I ’m an alien. I’m a legal alien. I ’m a Dortmunderin in Hadamar. (Frei interpretiert nach Sting)

Der Umzug liegt hinter uns, ersten Ländlichkeits-Schock überstanden, jetzt wird versucht, sich einzugewöhnen.
Was mir beim Eingewöhnen etwas hilft, ist meine Neugierde und die Faszination für Dinge, die anders sind. Trotzdem ist es nicht immer einfach, aber das sind viele Dinge nicht.

Ich hatte schon einige “faszinierende Erlebnisse“, von einem möchte ich euch berichten, da es sehr … irritierend war.
Am Freitag spielte Deutschland gegen Frankreich (wie wahrscheinlich alle wissen).
So weit, so normal.
Mein Freund war von seiner Firma aus auf einen Wanderausflug, kam allerdings früher wieder als gedacht.
„Das Programm wurde zügig durchgezogen, damit alle pünktlich zum Anpfiff vor‘m Fernsehen sitzen können“, erklärte er.
Irritiert fragte ich, ob das Spiel schon begonnen habe?
Nachdem er meine Frage mit einem leicht zweifelnden Ja beantwortet hatte, schwiegen wir einen Moment und lauschten.

Nichts!

Völlige Stille.
Das war merkwürdig, fast schon gruselig, denn so etwas waren wir nicht gewohnt. In Dortmund haben wir sehr zentral gewohnt, da brauchte man nicht einmal den Fernseher einschalten, um über das Spiel auf dem Laufenden zu sein.
Public Viewing!!!
Friedensplatz in Dortmund
An der Jahrhunderthalle in Bochum
Am Hotel Sittardsberg in Duisburg
Wer es nicht ganz so groß und voll braucht, der schaut die Spiele in einer Bar im Kreuzviertel, im Westpark, oder, oder, oder.
Da wir den Westpark direkt hinter‘m Haus hatten, wussten wir immer, wie der Spielstand lautete. Am Grölen erkannte man die Tore, am bedauernden Ooohhhh die Knapp-Daneben-Tore und das Fluchen ließ die Gegentore erkennen.
Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, Dortmund atmet den Fußball.

Hier war nichts zu hören, kein Jubel, kein Stöhnen. Nicht einmal an der Leere der Straßen konnte man erkennen, dass Deutschland spielte. Die Straßen sind hier nicht so voll, egal wann und was los ist.
Wir kamen zu dem Schluss, dass die Leute hier nicht so fußballbegeistert sind. Was uns allerdings merkwürdig vorkam, bedachte man das zügige Durchziehen des Wanderprogramms. 15 Minuten nach Spielende wurde uns dann auch bewiesen, dass unsere Schlussfolgerung falsch war. Es ertönte plötzlich das obligatorische Hupkonzert und Gegröle der Autokorsos. Zwar muss man die Anzahl der Autos etwas anpassen, da die Bevölkerungsdichte in der Stadt größer ist, berücksichtigt man das, stand das Land-Hup-Konzert dem Stadt-Hup-Konzert in nichts nach.

Anders jedoch am Dienstag. Deutschland gegen Brasilien, ein Spiel, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Gut, das Spiel war irgendwie schockierend und irritierend, spätestens nach dem fünften Tor war man nicht mehr fähig zu jubeln, da man vor Unglaube alles andere vergaß.
Vielleicht waren die Menschen hier noch schockierter. Vielleicht lief das Spiel zu spät abends, dann regnete es auch noch …
Es herrschte absolute Stille. Nicht der kleinste Jubel drang von draußen an unsere Ohren. Selbst die Autos blieben aus. Zwei oder drei Hupen waren nach dem Spiel zu vernehmen, mehr nicht.

Ich bin auf das nächste Spiel gespannt.

Ich wünsche allen noch viel Spaß beim Fußball gucken, egal wo.

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Über den Autor

Angela Gäde

Schriftstellerin, Verlegerin, Bloggerin, geboren in Dortmund, aufgewachsen im Ruhrgebiet. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis spiegelt sich die kulturelle Vielfalt dieser besonderen Region. Ebenso schleicht sich der Ruhrpott und seine Menschen, mit ihrem ganz eigenen Charme, immer mal in ihre Bücher. Durch einen Umzug aufs Land (und direkt in ein anderes Bundesland) hat sie nun die Chance, auch ein Blick von außerhalb auf das facettenreiche Ruhrgebiet zu werfen.

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