Im Gespräch mit Suat Yilmaz

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Nach dem Interview mit Hüdaverdi Güngör ist der Name Suat Yilmaz einige Male gefallen. Meine Neugier wurde immer größer; es musste eine interessante Persönlichkeit sein, wenn Hüdaverdi so von ihm geschwärmt hatte. Und ich wollte wissen, ob es Suat Yilmaz‘ Verdienst ist, dass Hüdaverdi jetzt so ist, wie er ist. Also trat ich mit ihm in Kontakt und wir verabredeten uns. Nach einigen Monaten hat es geklappt und wir trafen uns in Essen auf einen Kaffee. Er stellte sich kurz vor und erwähnte, dass er noch zu kurzfristigen Dreharbeiten nach Köln zum WDR musste. Ich hörte ihm zu. Er schien noch etwas im „Interview-Modus“ zu sein, da er sich wie in einem Interview verhielt. Ich fand es sehr aufregend, vor allem, nachdem ich das Video des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft gesehen hatte. Ich konnte ihn dieses Mal unterbrechen und Fragen stellen.
Herr Yilmaz ist 38, Sozialwissenschaftler und arbeitet als Beamter an der Westfälischen Hochschule, welche an drei verschiedenen Städten über Standorte verfügt: Gelsenkirchen, Bocholt und Recklinghausen. Offiziell ist er der „Koordinator der Talentförderung“ und arbeitet in der „Stabsstelle Strategische Projekte“. Die meisten kennen ihn als Talentscout. Die ARD hat ihn für einige Zeit bei seiner Arbeit begleitet und bald darauf wurde diese Dokumentation veröffentlicht. Er sagt, dass nach dieser Dokumentation nicht nur nationales sondern auch internationales Interesse an seiner Arbeit da war.

Ich frage ihn, wie seine Arbeit denn konkret aussieht, und was er denn tut, um Talente zu finden. Er beschreibt mir seine Arbeitsstelle und seinen Arbeitgeber zuerst, damit ich eine Vorstellung davon habe, wo er arbeitet. Yilmaz hat mit seinen Teamkollegen aus dem Strategiepapier FH_Integrativ das Talentscouting für die Westfälische Hochschule entwickelt (Ausgezeichnet mit dem Deutschen Arbeitgeberpresi für Bildung und dem TalentAward Ruhr) . Derzeit nehmen 10 Schulen (Berufskollegs, Gesamtschulen und Gymnasien) an dem Programm teil, die Arbeit vor Ort erfolgt in enger Abstimmung mit den Lehrern und Schülern i. Die Besonderheit dieser Talentförderung ist, dass sie einzigartig in ihrer Form in Deutschland ist und ein Beamter an die Verantwortung für dieses Programm hat. Das gebe dem ganzen nochmal eine andere Gewichtung. In der Regel werde Aktivitäten im Übergang Schule-Hochschule fast ausschließlich projektbasiert realisiert und nach einigen Jahren ohne eine Nachhaltigkeit beendet. l. Eine weitere Besonderheit sei die Tatsache, dass das Programm direkt an das Hochschulrektorat gebunden ist. Das heisst, Herr Yilmaz gibt direktes Feedback an den Rektor der Hochschule und nicht erst an einen Dezernenten.

An den Schulen kann man die Schülerschaft grob in drei Gruppen unterteilen: ein Drittel, für die die Hochschule wenig bis nichts tun kann; die Minderheit der Hochbegabten 2 bis 5 %, die natürlich für die Hochschule ohnehin schon interessant sind und die sie gerne fördern und unterstützen möchte; und als breite Masse der Durchschnitt. Die Menge mit den Durchschnittsschülern ist die interessanteste, weil da die meisten talentierten sind. Diese Talente möchten sie „veredeln“. Das sind genau die Schüler, die eigentlich vielversprechend sind, die aber keine Vorbilder haben oder niemanden, der sie unterstützt. „Das heisst, wir begleiten die Kiddies beim Einstieg (ab der 10./11. Klasse bis zum Abitur), beim Durchstieg (Erfolgreiches Studium) und beim Aufstieg, das ist der Übergang in den Beruf. Und diese Prozesskette; die verantworte ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Und das alles ist die Talentförderung. Man sieht zwar den ‚Yilmaz‘ als Talentscout, aber dahinter stecken ganz viele Menschen“, sagt Herr Yilmaz. Es werden in regelmäßigen Abständen Gespräche mit den Schülern geführt und dabei wird entschieden, ob diese dann weitere Beratungen brauchen oder ob sie sich für ein Stipendium bewerben sollten etc. Viele fragen dann nach dem Sinn dieses Projektes, wenn die Schüler dann eh nicht zu der Westfälischen Hochschule kommen. Dann erinnert Herr Yilmaz daran, dass sie nicht da sind „um Menschen zu helfen“, sondern dass sie eine staatliche Institution sind, die die Chancen für eine bessere Zukunft für diese Region erhöhen will. „Deswegen sind diese Kids für uns Gold wert“, sagt er. Diese Menschen geben sehr viel zurück und es entsteht ein Netzwerk, wo ehemalige Schüler oder Studenten, die ihr Studium geschafft haben, gerne bereit sind, anderen Schülern zu helfen. Die Hochschule profitiere jetzt schon davon. Herr Yilmaz ist sich sicher, dass das Ruhrgebiet ebenfalls davon profitieren wird. Jetzt sollte man sich vorstellen, dass dies nicht nur lokal betrieben wird, sondern bundesweit. Das hört sich vielversprechend an.

„Was immer ihre Potenziale sind, die müssen veredelt werden“

Herr Yilmaz erwähnt den Bildungsauftrag der Institution und erzählt von der Problematik der Übergänge von Schule zur Hochschule. „Es ist unser gesetzlicher Auftrag maximale Bildung an den Bürger zu bringen. Und wenn wir das nicht hinkriegen, dann müssen wir uns fragen: Warum?“ Herr Yilmaz sagt, dass es keine Lösung ist, die Schuld immer an andere Institutionen weiterzugeben. Und als Hochschule möchten sie deswegen Verantwortung übernehmen. Er glaubt auch, dass dieser Ansatz der Talentförderung, welchen er als nicht abgeschlossenen Prozess bezeichnet, zuerst im Ruhrgebiet in die Breite getragen wird und dann höchstwahrscheinlich bundesweit durchgeführt wird.

Herr Yilmaz erzählt von Menschen, die eine hohe Akademisierungsrate in unserer Gesellschaft kritisieren und fragt, warum ausgerechnet die Kinder derjenigen, die das kritisieren auf eine Hochschule gehen. Er bezweifelt nicht, dass diese Debatte kommen wird; doch dann fragt er, wer es wagen wird zu bestimmen, wer studieren gehen soll und wer nicht. „Es ist in unserer Verfassung verankert, Artikel 3: Alle müssen gleich behandelt werden.“ Es ist eine Horrorvorstellung, wenn Menschen über die Zukunft von anderen Menschen bestimmen würden, denke ich mir. Viel besser fände Herr Yilmaz es, wenn Institutionen wie IHK, Hochschulen und Schulen zusammenarbeiten würden, um den Schülern das zu geben, was sie verdienen. Dabei geht es auch um die Jungen Menchen die eine Ausbildung machen, nicht nur um die, die studieren. Teilweise arbeitet die Hochschule bereits mit diesen Einrichtungen zusammen.

Ich beziehe mich nochmal auf seine Aussagen vom Video des Stifterverbands und frage nach: Er erzählt davon, dass Lehrer (im Idealfall) eine Übergabe an Hochschulen machen sollen; die Lehrer sollen sich um die Schüler kümmern und sie begleiten. Ich halte diese Erwartung für utopisch und erzähle von einem Fall im Ruhrgebiet, wo eine Referendarin sich mit einer Lehrerin nach der Schule trifft, um organisatorisches abzusprechen und die Lehrerin sagt: „Jede weitere Minute an dieser Schule ausserhalb meiner Arbeitszeit ist eine Qual für mich.“ Herr Yilmaz lächelt. Anscheinend kennt er bereits diese Sorte von Lehrern und gibt zu, dass es durchaus diese Menschen gibt. Aber auf der anderen Seite gibt es auch Lehrer, die geradezu erpicht darauf sind und Energie haben, ihre Schüler voranzubringen. „Wir können jetzt sagen: Der Lehrer will nicht, der kann nicht, der meckert. Oder wir sagen: Alles klar, die sind beratungsresistent. Da können wir nicht mehr viel bewegen. Wir suchen uns die, die jetzt was machen wollen. Und das ist unser Ansatz.“ Ja, so kann man auch auf die volle Hälfte des Glases schauen. „Ja, die Lehrer gibt es. Aber lassen Sie uns doch Richtung Sonne schau’n. Nicht Richtung Dunkelheit.“ Sehr schön.

„Ich mach diesen Job, weil ich glaube, dass diese Kids und diese Gesellschaft das Beste verdient.“

Wenn ein Schüler erfolgreich gefördert wurde, dann sei das ja nicht nur der Stolz der Hochschule, sondern auch der Familien, Schule und der Lehrer. Nach einer Weile entschuldigt sich Herr Yilmaz dafür, dass er so viel geredet hat. Ich winke ab und sage, dass ich es spannend finde, was er erzählt. Ich frage ihn, was er sich denn für die Zukunft wünschen würde. Er erwähnt, dass ein Großteil seines Wunsches vielleicht bald in Erfüllung gehe und dass er aus dienstlichen Gründennicht weiter darauf eingehen dürfe. Er ist dankbar an die vielen Menschen, die ihn unterstützen, u.a. auch an unsere Wissenschaftsministerin Svenja Schulze und an unsere Schulministerin, die von Anfang an dieses Vorhaben unterstützt haben. Im Namen der Hochschule sagt Herr Yilmaz, dass sie die Verantwortung haben, das Maximum aus dem herauszuholen, was vorhanden ist. Sie müssen die Werkzeuge entwickeln und perfektionieren, die dazu benötigt werden. Als Wunsch äußert er dann, dass Talentförderung ein Instrument der deutschen Bildungslandschaft werden solle. Er erhofft sich auch, dass er nicht als Talentscout alleine in Deutschland bleibt. Er räumt zwar ein, dass es einige Talentscouts in Deutschland gibt, er wünscht sich aber schon, dass es mehr Menschen gibt, die diese Arbeit so verrichten wie er. Er hofft, dass es auch so kommt. Herr Yilmaz ist fast wunschlos glücklich, aber er träumt davon, dass er sich eines Tages mit hundert Talentscouts aus ganz Deutschland zusammensetzt und sich mit ihnen über die Talentförderung austauscht.

Yilmaz erzählt, wieso er davon überzeugt ist, dass es so kommen muss: Es ist keine Sozialpolitik oder ein anderes „minderbemitteltes“ Thema, sondern ein Thema für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Und es wäre fahrlässig, wenn man kein Talentmanagement oder Talentscouting machen würde. Dabei fügt er hinzu, dass dies nicht unbedingt so sein muss, wie seine Hochschule es macht.
„Früher hießen wir Fachhochschule Gelsenkirchen unbd keiner hat sich wirklich interessiert; wir haben jetzt Anfragen aus München, aus der LMU, ob man bei uns promovieren kann. Vor 3 Jahren hätten wir gar nicht daran gedacht. Wir haben Anrufe aus Kalifornien bekommen, wo gefragt wird, wie kann ich das begleiten, wie kann ich meine Arbeit darüber schreiben. In Gelsenkirchen.“
Herr Yilmaz glaubt an diese Region und an die Jugendlichen und Menschen dieser Region. Aber er fügt hinzu, dass wenn wir -ob bewusst oder unbewusst- die Politik fahren „Herkunft gleich Zukunft“ oder „Vererbung von Chancen“, wir in Zukunft ein gewaltiges Problem haben werden. Und das soll keine Fachkräftediskussion sein, die muss man viel differenzierter führen, sagt Herr Yilmaz. Es geht um viel mehr als nur Bildungspolitik. Man sollte das ganze nicht kulturalisiert betrachten: „Unsere Währung ist Talent. Unsere Kultur ist Talent und Bildung. Maximale Bildung, maximale Gerechtigkeit, das ist unser Credo.“

Bei der Unterhaltung über Stipendien erwähnt Herr Yilmaz, dass es wichtig ist bei den einzelnen Schülern zu schauen, wie die Noten zustandegekommen sind. Er erzählt von einem Beispiel, in dem ein Abiturient einen Durchschnitt von 3,2 hatte, aber an den Hochschulen (zuerst Westfälische Hochschule für den Bachelor-Abschluss, dann Ruhr-Universität Bochum für den Master-Abschluss) jeweils mit sehr guten Noten abgeschlossen hat und nun an der RWTH-Aachen promoviert. „Dieser junge Mann wäre niemals bei einer Stiftung für ein Stipendium in Frage gekommen. . Und deshalb muss man sich fragen, was Noten aussagen. Wieviele dieser jungen Menschen machen wir unterwegs kaputt? Weil unser System nicht differenziert genug schaut, weil unser System nicht tief genug bohrt.“ Offensichtlich war dieser Schüler einer der Glücklichen, die eine Person wie Suat an seiner Seite hatten. Ich halte seine Aussage für wichtig. Er sagt, dass das System so ist und dass das eine Grundsatzdiskussion ist; trotzdem müsse man aufpassen, dass einem die Talente nicht „durch die Lappen gehen“. Das ist auch einer der Aufgabengebiete von Suat Yilmaz. Er lässt sich durch die Noten nicht beirren und unterhält sich mit den Lehrern um einen genaueren Einblick in die Situation des Schülers zu bekommen. Er hält es für unfassbar, dass es Schüler gibt, die keine guten Noten haben, aber z.B. technisch handwerlich sehr versiert sind usw. Talent bedeutet vieles, sagt er: Ausdauer zu haben, Teamplayer zu sein, sich für Themen begeistern zu können, und so weiter. Es sei nicht alleine die Note. Ein Talent nur durch die Note festzumachen vergleicht Yilmaz mit einem „bombastischen 3D-Film, der durch ein Schlüsselloch ohne 3D Brille gesehen wird“.

Alles in allem war ich doch begeistert von seiner Arbeit und von ihm selbst; Herr Yilmaz hat eine sympathische Ausstrahlung und wenn man mit ihm redet, gibt er einem das Gefühl, dass nichts so schlimm ist, wie es aussieht. Also genau das, was man vielleicht als Abiturient braucht. Ich wünschte nur, ich hätte damals so eine Person an meiner Seite gehabt.

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Über den Autor

Serdar Ablak

Chefblogger und Gründer. Gebürtiger Oberhausener (darauf bin ich besonders stolz), lebe mittlerweile in Köln, arbeite aber immer noch in Duisburg. Der Weg ist zwar manchmal anstrengend, aber das Ruhrgebiet ist es Wert!

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