„Achso, nee, die Wohnung ist schon weg“

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Der Pott? Das ist mehr als nur eine Kohlehalde, das ist einer der schönsten Flecken Erde, den es in Deutschland gibt. Und vor allem ist dieser Fleck eins: Multi-Kulturell.

Meine eigenen Vorfahren kamen aus verschiedensten Ländern um zu arbeiten, um Unter Tage ihrem Glück zu folgen. Sie wurden gerufen aus Polen, aus Italien, aus den Niederlanden, aus Preußen. In meinem Namen sieht man davon nicht mehr viel, um nicht zu sagen: gar nichts. Hätte meine Ur-Ur-Ur-Oma damals keinen deutschen Bergmann geheiratet, sondern ihren Nachbarn, einen italienischen Schafshirten, hieße ich heute Tomasetti. Hätte meine Ur-Oma damals nicht meinen Ur-Großvater geheiratet, sondern einen Polen, so wie sie es war, wäre mein Name nun Kopczynski. Und wäre nicht das Jahr 2014 und würde Deutschland sich nicht als ach so weltoffen und multikulturell darstellen wollen, wäre ich jetzt nicht so erschrocken.

Mehr durch Zufall erfuhr ich, dass ein nicht-typisch deutscher Nachname auch oder gerade hier im Ruhrgebiet dazu führen kann, dass ein Mietvertrag nicht zustande kommt. Mehr noch, man wird gar belogen, wenn es um die einfache Frage geht, ob eine Wohnung noch zu haben ist. Dabei ist es gleichgültig, ob man akzentfrei spricht (warum auch nicht, man ist ja genau wie die eigenen Eltern hier geboren und groß geworden), man eine freundliche Stimme hat oder einen angesehenen Beruf ausübt. Der Nachname entscheidet augenscheinlich auch im Ruhrgebiet darüber, ob einem die finanzielle Verantwortung über eine einfache Wohnung zugetraut wird – oder nicht. Mehr noch, er scheint aussagekräftig genug zu sein, um als Vermieter zu ahnen, dass ein Mieter nicht in eine bestehende Mietgemeinschaft hineinpasst.

Unglaublich? Dachte ich auch. Also habe ich nachgefragt. Ein Fall, der mir besonders negativ im Gedächtnis stecken geblieben ist, war folgender: Ein Akademiker-Pärchen sucht in Gelsenkirchen eine Wohnung. Beide türkischer Herkunft, offensichtlich türkische Nachnamen, beide gehören zur höheren Mittelschicht, sind erfolgreich in ihren Jobs. Jung, kinderlos, keine Besonderheiten. Kaum meldet man sich mit dem Nachnamen, sind Wohnungen plötzlich vergeben, obwohl erst seit gestern annonciert. Nach mehreren erfolglosen Versuchen in Gelsenkirchen eine Wohnung in vernünftiger Wohngegend zu finden, wird diesmal selbst annonciert: „Junges Akademiker-Pärchen sucht 80-100m²-Wohnung in Gelsenkirchen.“ Darauf folgt prompt die erste Antwort: „Schöne 90m²-Wohnung in gepflegter, deutscher Wohnsiedlung ab sofort zu vermieten“. Die beiden haben der „deutschen Wohnsiedlung“ dankend abgelehnt.

Ein weiterer Fall: Eine junge Frau, Mutter Deutsche, Vater Kroate, selbst spricht sie nicht ein einziges Wort Kroatisch, ruft eine Vermieterin an, meldet sich mit ihrem Namen und würde gerne näheres über die annoncierte Wohnung erfahren. „Wie war ihr Name?“ Der Kroatische Nachname wird wiederholt. „Ach so, nein, tut mir leid, die Wohnung ist schon weg.“ Misstrauisch lässt die junge Frau ihre Freundin mit deutschem Nachnamen einen Tag später dort anrufen, welche spontan einen Besichtigungstermin angeboten bekommt. Noch nicht genug? Andere antworten beim Nennen des Nachnamens am Telefon auch direkt mit „Wir vermieten nicht an Ausländer.“

Wo leben wir denn hier? Es kann doch nicht richtig sein, dass ein solch voreingenommenes Denken die Menschen gerade hier im Ruhrgebiet menschenblind werden lässt. Dass es immer noch so viele Personen gibt, die sich an vermeintlichen Unterschieden derart stören, hat mich zutiefst schockiert. Zumal ich selbst bislang komplett davon verschont geblieben bin, obwohl ich einen ähnlichen Hintergrund wie fast jeder der hier lebenden Ruhrgebietler habe. Und nur weil mein Nachname über meine eigentlichen Wurzeln keine Auskunft gibt, soll ich es leichter haben? Hieße ich also Arzu Şahin, wäre es klar, dass ich immer meine ganze Verwandtschaft zu Besuch habe, weil die Türken das ja so machen. Als Anica Damnjanović müsste ich zwingend eine unzivilisierte, am Waschbrett singende Mutti sein, mit acht Kindern, die Kohl in Massen einkocht – typisch, für die da vom Balkan. Oder als Anichka Woźniak wäre mein täglicher Raubzug durch die umliegenden Garagen an der Tagesordnung, denn ich bin ja Polin und nicht in der Lage, ein ordentlich deutsches Leben zu führen. In allen drei Fällen müsste ich es trotz gleicher Qualifikationen schwerer haben, eine Wohnung oder auch andere Mietgegenstände zu bekommen? Ich wäre Opfer eines totalen Schubladendenkens? Mir würde es mit einem fremden Nachnamen anscheinend so gehen wie sehr vielen anderen, denn nach den nur kurzen Recherchen zu diesem Thema hätte ich noch sehr viel mehr schreiben können.

Da kann doch etwas bei den Menschen nicht richtig ticken. Wir leben in einer aufgeklärten Welt und benehmen uns wegen eines Namens wie Schubladendenker aus der Vorkriegszeit. Gerade hier, wo so viele verschiedene Völker beim Wiederaufbau einer vollkommen zerstörten Umgebung geholfen haben und unsere Heimat erst zu dem gemacht haben, was sie heute ist, sollte ein ausländisch anmutender Name doch das Normalste und vor allem Egalste der Welt sein. Viele Jahre sind seit den ersten Einwanderungswellen vergangen, viele der damaligen Einwandererfamilien sind in der 4., 5. und 6. Generation hier und haben nie etwas anderes als Heimat bezeichnet als unsere Umgebung.

Wären die Einwanderer damals nicht gekommen, hieße der Mottek auch hier noch Hammer, die Straßen wären nicht pickobello sondern nur sauber und der Opa wäre früher nicht auf Maloche gewesen sondern einfach nur Arbeiten – wenn er denn Arbeit gehabt hätte. Ist es nicht an der Zeit, sich von einem überkommenen Klischeedenken zu verabschieden? Zu realisieren, dass ein Deutscher nicht Peter Müller heißen muss, sondern sein Name auch Çan Alkaç lauten darf und dass ein Hans Schmidt seine Miete nicht pünktlicher zahlt als ein Pawel Kovac oder ein Vural Deniz. Und hört endlich auf mit der scheinheiligen Behauptung, dass alle die gleichen Chancen auf alles haben. Solange sich der Irrglaube in den Köpfen hält, dass eine Hatice anders aussehen muss als eine Lena und ein Jaroslaw sich nicht als Nachbar für Heinrich eignet, steht es mit dem Ruhrgebiet als Vorzeigebeispiel für gelebten Multi-Kulti eher schlecht.

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Über den Autor

Anika Lemm

Ich bin gebürtige Essenerin und lebe auch in Essen, 29 Jahre alt, Projektleiterin in einer Essener Werbeagentur. Kind eines Steigers und Spross einer über Generationen im Bergbau beschäftigten Familie - und darauf extrem stolz. Privat leidenschaftliche Stadiongängerin auf Schalke und durch und durch Fußball-verrückt. Jobbedingt interessiert an Marketing und Internet - alles rund ums Netz ist meine Welt. Und: ich liebe meine Heimat - weil es hier einfach schöner ist als woanders.

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